Jaromír Typlt (DE)

Jaromír Typlt (geb. 1973) kommt aus der Stadt Nová Paka in Nordostböhmen.

Eist ein tschechischer Lyriker und Essayist, der uns nicht nur herkömmliche literarische Texte präsentieren möchte, sondern auch Grenzformen zwischen der Literatur und anderen Künsten (Vertonung von Texten, Videogedichte, etc.).

oder schnurstracks

Im März 2018 wurde im hochroth Verlag (Leipzig) das erste Typlts Gedichtband oder schnurstracks in der Übersetzung von Martin Mutschler herausgegeben.

„Jaromír Typlt ist auf den ersten Blick ein Findling, in der tschechischen wie in der europäischen Lyrik. Er ist ein seltener Stein, aus vormaliger Zeit unter anderes Material geraten, uralt und doch von besonderer, aufreizender Fremdheit. So ist auch jedes seiner Gedichte karges Relief, strenge Ballung von Energie. Ob man ihre Beschwörungen nicht schon vor tausend Jahren gehört hat?“

(Aus dem Nachwort des Übersetzers)
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Nach seinem Studium der Philosophie und Tschechischen Literatur an der Karls-Universität war Typlt als Kurator tätig. Heute lebt er in Prag und seinem Geburtsort Nová Paka als freier Schriftsteller, Lyriker und Performer. Zuletzt erschien seine Monographie über den Bildhauer Ladislav Zívr (2013) und das Gedichtband Za dlouho (Nach langer Zeit, 2016).

1994 bekam er den Jiří-Orten-Preis für seine Poesiesammlung Ztracené peklo (Verlorene Hölle) und 2010 war er Stipendiat des Prager Literaturhauses in Wiesbaden.

Seine Texte wurden in einem 3D Kurzfilm (Viktor Kopasz: Vinice / Vineyard, 2011), in einer radiophonischen Komposition (Michal Rataj: že ne zas až, 2006) und verschiedenen Ausstellungen verwendet.

1352134816tjf-vilnius-2012-06Jaromír Typlt ist auch als Herausgeber von Artbrut in bildender Kunst und Literatur tätig (Zdeněk Košek, Hana Fousková, František Novák).
In mehreren Zeitschriften hat er Aufsätze über tschechische Schriftsteller und Künstler veröffentlicht.

Seit 1999 hat er die Form der sog. „mutierten Autorlesung “ entwickelt, in der er Stimmenaufnahmen, Sprachrhythmen, aber auch gefundene Gegenstände und Bühnenhandlungen im Raum verwendet. stáhnout mp3

Im Jahre 1994 wurde er mit dem Jiří-Orten-Preis für junge Schriftsteller ausgezeichnet.
Er lebt in Prag und Nová Paka.

Auf YouTube

Škrábanice/Scribble (with Michal Rataj, 2009) – Ursonate (with Pavel Novotný, 2008)

Zu seinem Werk

Mit seinem dichterischen Schaffen und zahlreichen essayistischen und literaturkritischen Äußerungen stellte sich Typlt am Anfang der 1990er Jahre als einer der bedeutendsten Autoren der jüngeren Generation vor. In diesen seinen Anfängen wurde er von der autodestruktiven Poetik der Rockmusik, sowie von der seitdem immer weiter zunehmenden Inspiration durch den Surrealismus beeinflusst (Erstlingswerk „die Heavymetall-Messe in F-Moll“ Concerto grosso / Koncerto grosso, 1990).

Die Dichtung fasste Typlt vor allem als Gegenpol zur Alltäglichkeit und zum Utilitarismus auf. Seine schöpferische Selbstauffassung wurde von der Sehnsucht nach einer kontinuierlichen verbalen und gefühlsmäßigen Einweihung, sowie nach einer emotionellen Suggestion geprägt, die jedoch auch die Gestalt von manieristischen Gesten annahm. Einen ähnlichen Charakter haben ebenfalls Typlts Prosawerke (Bewegliche Schwellen der Tempel / Pohyblivé prahy chrámů, 1991; Der Kampf um den Stammbaum / Zápas s rodokmenem, 1993) und Dramen (Früher als unmittelbar darauf / Dříve než vzápětí, 1994). Der Akzent auf die allumfassende Einbildungskraft und auf das Spiel mit den absurden Dimensionen der Sprache nahmen darin zunehmend die Gestalt einer provokativen Proklamation in der Art Dalis an, in der die Konstruktion und Form dominieren.

Eine programmatische Bestandnahme vom Frühwerk Typlts ist die Auswahl Verlorene Hölle / Ztracené peklo, 1994, die u. a. frühere Gedichtsammlungen Der erwachende Teurgos / Procitající teurgos und Die Epoche der Dunkelheit / Epocha Setmění (mit dem Untertitel Guitarromachie / Kytaromachie) enthält, in denen der Autor danach strebte, durch Kaskaden von Metaphern, Neologismen und archetypischen Bildern eine „neue Kosmogonie“ zu entwerfen, ein widerstandsvoll konstruiertes Weltall, aus dem eigenen Subjekt hervorsprudelnd.

Das Postulat eines gewaltsamen Durchbruchs hinein in die absolute Position einer schöpferischen Wahrheit wird im essayistischen Manifest Glühende Eisscholle / Rozžhavená kra (veröffentlicht mit dem Untertitel Kehrtfest / Vratifest in der Zeitschrift Iniciály 1993) vermittelt, in dem Typlt kategorisch jegliche neue Konventionalität in Kunst und Literatur verwirft.

Nach 2000 veröffentlichte Typlt seine Texte nur vereinzelt in der Form von bibliophilen Drucken. Die literarische Äußerung gelangt in ihnen in die unmittelbare Nähe zum bildenden künstlerischen Ausdruck, die Graphik und das Wort ergänzen, inspirieren einander und schaffen erst in der gegenseitigen Interaktion eine Sinneseinheit. Einen solchen Charakter hatten die so genannten Autorenbücher, die Typlt nach 1999 gemeinsam mit dem bildenden Künstler Jan Měřička schuf und deren einige Texte er in die Sammlung so nicht dass es / že ne zas až (2003) einbezogen hat.

In die breitere literatische Kommunikation kehrte er erst in 2007 mit dem Buch Druck / Stisk zurück, das eine bunte Zusammensetzung aus seinem in den Jahren 1993–2007 entstandenen dichterischen, prosaischen und essayistischen Schaffen darstellt. In diesen Texten verzichtete Typlt bereits auf die programmatischen Akzente und Proklamationen in Anlehnug an den Surrealismus. Er stützt jedoch seinen Stil auch weiterhin auf die expressive schöpferische Geste, auf das Experiment und das Spiel. In seinen Prosawerken herrschen eine starke Lyrisierung und das Experimentieren mit dem Kompositionsaufbau vor. Die thematische Ebene der Texte wird von einer traumhaften Unbestimmtheit überdeckt und in die Logik des Erzählens dringt eine gewollte Absurdität ein. Die dichterischen Texte der Sammlung Druck / Stisk sind ebenfalls spielerisch experimentell, die graphische Seite des Ausdrucks wird in ihnen im Wesentlichen zur Geltung gebracht und die irrationale Einbildungskraft und Elemente diskursiver Sprache verbinden sich miteinander.

Nach dem Lexikon der tschechischen Schriftsteller.
Autoren: Vladimír Novotný, Karel Piorecký.
Übersetzung: Nikola Mizerová.